Zur Geschichte der über 700jährigen Kirche
Das Wissen um die Geschichte Ochtersums ist seit dem späten Mittelalter
eng verknüpft mit der Geschichte der Kirche. Nahezu alle noch vorhandenen alten Dokumente
stehen in einem Zusammenhang mit dem Ochtersumer Kirchenbau,
der als mächtiger Zeuge jener Zeit wenn auch mit baulichen Veränderungen
bis in unsere Zeit erhalten geblieben ist.
Die älteste Nachricht über diesen Sakralbau vermittelte uns die Inschrift
einer heute nicht mehr vorhandenen Glocke aus dem Jahre 1274.
Die heute im freistehenden Glockenturm hängende,
1815 umgegossene Glocke trug eine lateinische Inschrift
in sogenannten gotischen Majuskeln (Großbuchstaben):
»IN HONOREM BEATI MATERNIANI ANNO MCCLXXIIII FUSA SACERDOTUM...
OCCONIS MEMMONIS TEMPORIBUS ULRICI... CONIS«
Das heißt:
»Zu Ehren des seligen Maternianus im Jahre 1274 gegossen
zur Zeit der Priester.Occo und Memmo
sowie des (Bremischen Archidiakons) Ulrich«
Der Hl. Maternianus war nach Dr. Reimers der Schutzpatron der Kirche.
Er war der erste nachweisbare Bischof von Köln,
der im Jahre 314 n. Chr. am Konzil von Arles teilnahm.
Im Jahre 1815 wurde die scheinbar altersschwach gewordene Glocke
durch den ostfriesischen Glokkengießer Mammeus Fremy III
nach dem Gussvertrag vom 1. März 1814 umgegossen.
Das Stader Gopiar 1420
Von großer Bedeutung für die Kirchengeschichte Ochtersums
ist das sogenannte Stader Gopiar, das sich in einem Bremer Dekanatsregister
aus dem Jahre 1420 befindet und die ersten ausführlichen und genaueren Angaben
über das Kirchenwesen im Harlingerland enthält.
Daraus geht hervor, dass das Harlingerland
- ebenso wie das Auricher - und das Norderland -
der Sendgerichtsbarkeit des Bremer Domscholasters unterstellt war
und sechs Sendkirchen unterhielt:
in Wittmund, Stedesdorf, Ochtersum, Arle, Norden und Aurich,
sowie die Präpositur des Klosters Reepsholt.
Der Sendkirche in Westochtersum unterstanden
die Kirchen in Westerholt, Dornum, Westeraccum und Roggenstede.
Eine Sendkirche hatte zu jener Zeit die Aufgabe,
durch den Bischof oder seinen Vertreter Gericht zu halten
und kirchliche Vergehen abzuurteilen und mit Kirchenbußen zu belegen
sowie auch Streitigkeiten zu schlichten.
Hierzulande übte der Bremer Domscholaster als Archidiakon die Sendgerichtsbarkeit aus.
Der Archidiakon hatte auch das Patronatsrecht im Ochtersumer Sendsprengel an sich gebracht:
Er besetzte die Pfarrstelle und bezog bestimmte Einkünfte.
Als (Bremischer) Patronatsherr wurde daher auch der Archidiakon Ulrich
auf der oben erwähnten Ochtersumer Glocke von 1274 genannt.
Die Kirche
Das Kirchengebäude selbst ist nach der Mitte des 13. Jahrhunderts
auf einer Warf errichtet worden, nach Dr. Manfred Meinz um 1260.
Vor dem Bau dieser etwa 37 m langen und 12.15 m breiten Backsteinkirche
hat es an derselben Stelle eine Holzkirche gegeben,
deren Lehmstrich und Ständersteine durch Grabungen in der Kirche
Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch Dr. Karl-Heinz Marschalleck
ermittelt werden konnten.
Die einschiffige Kirche wurde auf einem Granitquadersockel errichtet
und hatte ursprünglich einen halbkreisförmigen Anbau (Apsis) im Osten.
Sie besaß zwei Eingänge auf der südlichen und einen auf der nördlichen Längsseite
sowie auf jeder dieser Seiten vier rundbogige Fenster,
denen im Innern vier Gewölbe entsprachen. Die tiefer liegenden Fenster
im Westteil des Kirchenschiffes sowie das zur Belichtung der Kanzel
in der Südmauer angelegte Fenster wurden später eingebrochen.
Der Lettner, der den Chor- vom Gemeinderaum trennt,
ist eine Zutat vom Anfang des 15. Jahrhunderts.
Der ursprüngliche Grundriss - ein vierjochiger Apsissaal — hat sich bis auf die Apsis,
die 1675 durch Blitzschlag zerstört wurde,
hinsichtlich seiner Außenmaße unverändert erhalten.
Über den Verlust der Apsis erhalten wir durch schriftliche Quellen nähere Auskunft.
Danach schlug der »Donner ins Chor (Apsis) dieser Kirchen und fügte selbigem
verwunderlich großen Schaden zu« (B. Arend, 105).
Der Blitzschlag deckte einen großen Teil der Dachhaut ab,
worauf dort im Laufe der Jahre ähnliche Schäden wie am Schiff auftraten.
Erst nach 1720 wurde die Apsismauer schließlich abgetragen
und der Apsisbogen mit den dabei anfallenden Steinen zugemauert,
wobei zwei kleine Fenster eingebaut wurden.
Anmerkung:
Die ehemalige Ochtersumer Glocke war die älteste in Ostfriesland,
die nach dem Gussjahr bestimmbar war.
Damit ist nicht gesagt, dass sie überhaupt die älteste in Ostfriesland war;
denn die ältesten waren ohne Inschrift.
Erst allmählich kamen zunächst Zeichen, dann erst Inschriften auf.
Sandstein-Grabplatte des Heinrich Velthusen, Pastor in Ochtersum 1652 1662.
Die Inschrift dieser früher im Altarraum befindlichen Grabplatte lautet:
HENRICUS VELTHUSIUS WELCHER DER
KIRCHEN ZU OCHTERSUM BEI ZEHEN
JAHR ALS SEIN TREW EYFERIGER LEHRER
UNDT PREDIGER VORGESTANDEN IN GOfl
SANFIT UNDT SELIG ENTSCHLAFFEN
Der Verlust des Gewölbes
Die wohl bedeutendste bauliche Veränderung,
über deren Zeitpunkt jedoch schriftliche Nachrichten fehlen,
erfuhr die Kirche mit dem Verlust ihres Gewölbes,
vermutlich spätestens im 15. Jahrhundert (Noah, 5. 20).
1698 ist das Gotteshaus mit einem »ganz neuen Bretterboden« versehen worden.
Nach beträchtlichen Sturmschäden am Dach wurde aber auch diese Decke
der Zerstörung durch Regen und Schnee ausgesetzt, so dass man
schon ein Jahr später »fast durch das ganze Dach hinsehen« konnte,
und es demzufolge »in der Kirche regnete«.
Ein Erlass der fürstlichen Hofkanzlei von 1704 wies die Gemeinde bei Strafandrohung an,
umgehend Abhilfe zu schaffen; aber erst 1720 wurde dieser Zustand behoben.
In demselben Jahr wurde dann der Dachstuhl abgetragen, umgearbeitet
»das Speer (Gespärre) erniedriget« — wieder aufgestellt und die Dachhaut erneuert,
wobei die oberen Mauerschichten abgetragen werden mussten,
da sie durch Regen- und Frosteinwirkung brüchig geworden waren.
Die Verwirklichung des Orgelbauvorhabens im Jahre 1736 hatte dann
eine erhebliche innenarchitektonische Veränderung im Gefolge,
denn für die Installierung des Instruments musste
eine Empore über der Lettnermauer geschaffen werden.
Damit erhielt der Ostteil der Kirche für die nachfolgenden 230 Jahre ein völlig neues Gesicht.
Neugestaltung des Innenraumes
Zu einer grundlegenden Um- und Neugestaltung des Kirchenschiffes
kam es in den Jahren 1966 1968, bei der die alte Anlage,
wie sie seit Generationen bestanden hatte, beseitigt wurde
und der Kirchenraum ein völlig neues Aussehen erhielt.
Der Vorbau auf der Westseite sowie die Quermauer unter der Westempore
wurden abgebrochen.
Auch die Westempore selbst
und die gegenüberliegende Orgelempore über dem Lettner wurden entfernt,
die Lettnermauern bis etwa auf die Höhe des Kirchengestühls abgetragen.
Für die Orgel wurde im Westteil der Kirche eine neue Empore errichtet,
im Vorraum eine Sakristei und eine Heiznische eingerichtet.
Der Altar ist an seiner Stelle verblieben;
seine Restaurierung erfolgte um 1970 nach Fertigstellung der Innenarbeiten.
Die einst verdeckt im Chor stehende Taufe
rückte ins Kirchenschiff gegenüber der Kanzel.
Die Kanzel selbst, früher an der Südwand in der Mitte des Schiffes angebracht,
erhielt ihren Platz an der gegenüberliegenden Nordwand,
jedoch näher zum Altarraum hin.
Die Anzahl der Bänke wurde um ein geringes reduziert.
Kanzel und Gestühl erhielten einen blauen, die Decke einen roten Anstrich.
Warmluftheizung sowie Beleuchtungskörper wurden neu installiert.
Anfang der siebziger Jahre wurden dann die Außenmauern
im Spritzbetonverfahren ausgebessert und der Efeubewuchs von der Südmauer entfernt.
Er diente 150 Jahre lang als Dorfschule
Etwa 16 m südwestlich der Kirche befindet sich der etwa 11 m hohe,
aus Backsteinen errichteter Glockenturm. Dieses wuchtige Bauwerk weist einen
etwa quadratischen Grundriss auf und wird von einem Zeltdach geschlossen.
Der Turm ist zweigeschossig. Das Erdgeschoß, die »Läutestube«,
betritt man von Westen her durch eine Holzpforte,
das Obergeschoss mit der Glocke enthält auf jeder Seite eine Schallarkade.
Da der Turm auf der Kirchwarf errichtet ist, liegt der Fußboden der Läutestube
etwa 80 cm über dem Gelände, weshalb der Eingangspforte im Westen
vier Stufen vorgelegt sind.
Dieses »Klokkenhus« kann auf ein sehr ehrwürdiges Alter zurückblicken
und dürfte etwa der gleichen Bauzeit entstammen wie das Kirchengebäude.
Ob dieser Turm einen Vorgänger etwa in Gestalt eines starken Balkengerüstes gehabt hat,
bevor man den vorhandenen auf einem »Flinten«-Fundament aufmauerte,
ist nicht bekannt. Wohl weiß man, dass es solche hölzernen Glockengerüste
einst in Ostfriesland gegeben hat, wie z. B. in Blersum (bei Wittmund).
Ursprünglich wurde der Turm als »Durchgangsturm« angelegt,
wie man aus der zugemauerten Rundbogenöffnung in der Ostmauer
und dem verkleinerten Torbogen auf der Westseite noch deutlich erkennen kann.
Auch lassen Reste eines Rundbogens am Gemäuer in der Läutestube an
der West- und Ostseite auf ein früher vorhandenes Tonnengewölbe schließen.
So konnte der Turm einst gleichsam als Pforte in der Friedhofsmauer durchschritten werden.
Manchen Sturm hat dieses alte Bauwerk im Laufe der Jahrhunderte
über sich ergehen lassen müssen. Man erkennt es daran, dass das Mauerwerk
an der Ost- und Westseite im Bereich der Schallarkaden mehrfach gerissen
und wieder ausgebessert worden ist, auch hat sich der Steinkoloss
ein wenig nach Südwesten hin geneigt.
Zahlreiche Anker halten aber die Mauern an allen Seiten zusammen.
Die Beschreibung des Glockenturms wäre unvollständig,
würde man nicht daran erinnern, dass einst, vor drei Jahrhunderten,
das Untergeschoß dieses Turms den Ochtersumer Kindern
für etwa 150 Jahre als Schule gedient hat.
Diese Turm-Schule am Rande des Warfen-Friedhofs
dürfte einst wohl die sonderbarste Dorschule weit und breit
und überhaupt in ostfriesischen Landen einmalig gewesen sein.
Es wirft allerdings auch ein Schlaglicht auf die früheren Verhältnisse des Dorfes,
die wohl weniger von ,,Sühnigkeit" (Sparsamkeit) als vielmehr von Armut geprägt waren,
gleichwohl aber für lange Zeit das Leben in dieser Gemeinde bestimmt haben.
Nachdem man die äußeren Torbögen »dichtgesetzt« hatte,
war dann jener Raum entstanden, der den Ochtersumern als ausreichend
für die schulische Unterbringung und Betreuung ihrer Kinder erschienen war.
Eine solche von Armut diktierte Maßnahme stellte der Schule
somit einen düsteren Raum ohne ausreichende Beleuchtung und Entlüftungsmöglichkeit
zur Verfügung, einen Raum, der höchstwahrscheinlich im Winter
nicht einmal ausreichend beheizt werden konnte,
denn Spuren selbst einer primitiven Heizanlage können nicht entdeckt werden.
Dass außerdem der Turm schon vor drei Jahrhunderten, Anno 1680,
als »sehr baufällig« befunden wurde, ist schriftlich belegt.
Zu Ende jenes Jahrhunderts, im Jahre 1698, war dieses »Klokkenhus« dann
»derart zerborsten«, dass eine gründliche Ausbesserung dringend geboten erschien.
Ein Jahr darauf hieß es mahnend, dass die Westseite des Mauerwerks
einsturzgefährdet sei und das "Gewölbe über der Schule" (im Erdgeschoß)
"gegen Norden einzufallen" drohte. Dennoch wurde der gefährliche Raum
weiterhin den Schulkindern als Unterrichtsort zugemutet, selbst noch im Jahre 1706,
als das baufällige Gewölbe gar befürchten ließ,
die Kinder könnten "von dem greulichen und . . . einsinkenden Gewölbe befallen werden".
In jener Zeit hatten die "Loogen, die unter den Klockenschlag von Ochtersum gehörten",
nämlich Barkholt, Ost- und Westochtersum, Utarp, Narp und Schweindorf,
nur diese eine Schule, in der 1662 der Schulmeister Dirk Arnhold,
der zugleich Küster war, die Jugend der Gemeinde "informierte"
- soweit sie von den Eltern zur Schule geschickt wurde.
Denn es war damals in den Landgemeinden so,
dass die Kinder im Sommer im häuslichen Betrieb und auf dem Felde mitarbeiten mussten,
und es zu dieser Jahreszeit daher kaum zu einem regelmäßigen Schulbesuch kommen konnte,
worüber in den Visitationsprotokollen aller Orten
von den Schulmeistern immer wieder Klage geführt wurde.
Im Winter hingegen standen dem Schulbesuch andere, gewichtige Hindernisse im Wege,
insbesondere die weiten und bei regnerischem Wetter oft unpassierbaren Wege,
die die Eltern veranlassten, ihre Kinder daheim zu halten.
Daran änderten auch die immer wieder von der fürstlichen Regierung in Aurich
erlassenen Verordnungen, die zum regelmäßigen Besuch der Schulen aufforderten, nichts,
so dass ein ordnungsmäßiger Unterricht, wie er heute selbstverständlich ist, kaum durchführbar war.
Zudem waren die Gegebenheiten kaum dazu angetan, die Lust zum Schulbesuch zu erhöhen.
Als im Jahre 1720 endlich Reparaturen erfolgten,
konnte der alte Schulraum "in de Toren"
gefahrlos für nahezu weitere 100 Jahre benutzt werden,
bis 1816 dann erneut Bauschäden in beträchtlichem Umfange
im Turmgemäuer festgestellt wurden.
Es zeigte sich ein Riss, der sich beim Läuten "über drei Zoll" öffnete und schloss (7 — 9 cm)
Auch angesichts dieser Gefahr konnten sich die Ochtersumer
zu einem Totalabbruch des ihnen teuren Bauwerks nicht entschließen,
sondern erneuerten lediglich den West- und Ostgiebel,
außerdem wurde das "von Ost nach West" gespannte Gewölbe abgetragen.
So blieb vor 170 Jahren der "griese Toren" dem Dorf erhalten.
Noch 15 Jahre lang, bis 1831, blieb nach diesen Baumaßnahmen
das ,,Klokkenhus" als Dorfschule bestehen.
Als es für die 100 Kinder endgültig zu eng geworden war,
beschloss man, den Unterrichtsraum (1831)
in den westlichen Teil des Kirchenschiffes zu verlegen.
Anno 1866 schließlich wurde neben dem Glockenturm
an der Westseite der Friedhofswarf eine einklassige Schule mit Lehrerwohnung errichtet,
der um 1900 ein zweiter Klassenraum hinzugefügt wurde.
105 Jahre gehörte dieses noch mit Tenne und Stallungen ausgestattete Dienstgebäude
zum Weichbild der Ochtersumer Sakralbauten,
bevor es baufällig im April 1971 der Spitzhacke zum Opfer fiel,
denn lange zuvor war an anderer Stelle ein schönes und modernes Schulgebäude entstanden.
Auf dem frei gewordenen ehemaligen Schulhausgelände befindet sich heute
ein Parkplatz sowie die 1976 erbaute Leichenhalle.